Ungarn 1956: eine Arbeiterrevolution gegen die Bürokratie
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Am 4. November 1976, zwanzig Jahre nachdem sowjetische Panzer die ungarische Revolution niedergeschlagen hatten, veranstaltete die Ortsgruppe Löwen der Revolutionären Arbeiterliga (RAL/LRT), der belgischen Sektion der IV. Internationale, im Hörsaal De Valk eine öffentliche Versammlung. Etwa 150 Menschen kamen, die meisten von ihnen Studierende. Redner war Ernest Mandel. Herman Michiel nahm den Abend auf Kassette auf. Die anschließende Fragerunde wurde nicht aufgezeichnet, und der Anfang der Einleitung fehlt. Im Folgenden die ganze Aufnahme, in den fünf Teilen, in denen sie digitalisiert wurde: die Einleitung von Peter Weyns und die vier Teile von Mandels Vortrag. Die Zwischentitel stammen von der Redaktion.
Teil 1 (Einleitung von Peter Weyns): Ja zum Sozialismus, nein zur stalinistischen Bürokratie
[Die Aufnahme beginnt mitten im Satz.] … war [der Kampf der] polnischen Arbeiter gegen die stalinistische Bürokratie das Startsignal für den ungarischen Arbeiteraufstand. Das war der Beginn dessen, was wir die ungarische Revolution nennen. Und wir gebrauchen das Wort Revolution ganz bewusst, denn über das, was 1956 in Ungarn geschehen ist, gibt es eine Menge Mythen. Ein Mythos ist eine Verdrehung der Tatsachen, und das geschieht gewöhnlich durch Leute, die ein Interesse daran haben, die Tatsachen zu verdrehen. So haben die Sowjetunion, China und andere bürokratisierte und degenerierte Arbeiterstaaten ein Interesse daran, die ungarische Revolution als konterrevolutionär hinzustellen, und zwar weil sie solche Volksaufstände fürchten. Und so hat die europäische Bourgeoisie, und die Bourgeoisie überhaupt, ein Interesse daran, die ungarische Revolution als faschistisch, konterrevolutionär und antikommunistisch hinzustellen. Die Gründe dafür liegen, glaube ich, auf der Hand. Was wir heute Abend tun wollen, ist, diese Mythen zu zerpflücken und anhand der Tatsachen zu beweisen, dass der wirkliche Charakter der ungarischen Revolution im Kern antikapitalistisch und antistalinistisch war, was andere auch behaupten mögen.
Ein zweites Ziel des heutigen Abends ist es, anhand der Ereignisse in Ungarn zu zeigen, welchen Sozialismus wir eigentlich wollen. Wir glauben, dass die ungarische Revolution und ihre Organisation in Arbeiterräten ein weiterer Beweis dafür sind, dass eine tragfähige Alternative, eine tragfähige sozialistische Alternative zum Stalinismus und zur Bürokratie möglich ist. Das ist also der Sozialismus, den wir wollen.
An diesem demokratischen Rätesozialismus arbeiten die RAL und die SJW, die Sozialistische Junge Wacht. Die Positionen der IV. Internationale dazu kann man in der Broschüre nachlesen, die hier ausliegt. Und was die Praxis betrifft, so haben die RAL und die SJW, glaube ich, zur Genüge bewiesen, dass es ihnen mit dem demokratischen Rätesozialismus ernst ist. Bei der Aktion vom letzten Jahr gegen die Präambel und gegen das Programmgesetz war es die SJW, die hier an der Universität die eigentliche Triebkraft für die demokratische Organisation und den demokratischen Aufbau der ganzen Aktion war. Und das wollen wir in Zukunft natürlich noch weiter treiben. Deshalb möchte ich diese kurze Einleitung nutzen, um noch einmal alle aufzurufen, die daran interessiert sind, mit der SJW und der RAL zusammenzuarbeiten. Es ist wichtig, dass sich die Leute über die Position der RAL und über die Positionen der SJW informieren, dass sie mit den Aktivisten an ihrer Fakultät Kontakt aufnehmen und dass sie zu den Versammlungen kommen. Ich kann gleich die nächste ankündigen: Jeden Montag um acht Uhr findet im Sociale Raad die zentrale Versammlung der SJW statt.
Dann noch ein anderer Punkt. Der heutige Abend wird zusammen mit der RAL veranstaltet, aber eigentlich organisiert ihn die Léon-Lesoil-Stiftung. Die Léon-Lesoil-Stiftung hat einen ganzen Zyklus aufgelegt, einen Grundkurs und eine Reihe von Veranstaltungen über den Marxismus und über den Marxismus und eine Reihe von Problemen. Für alle, die das Programm noch nicht kennen: Hier liegen Plakate aus, die könnt ihr nachher mitnehmen. Und wer bei der Vorbereitung mithelfen will, kann einmal im Lokal vorbeikommen.
Im Übrigen noch kurz der Ablauf des Abends. Wir sind gebeten worden, um elf Uhr Schluss zu machen. Nach dieser kurzen Einleitung beginnt Genosse Mandel mit seinem Vortrag, der etwa eine Dreiviertelstunde dauern wird. Danach folgt eine Diareihe von zehn bis fünfzehn Minuten über die Ereignisse in Ungarn 1956. Dann können einige Fragen gestellt werden, und ich schlage vor, das zunächst auf etwa sechs zu beschränken. Später können mehr kommen, aber zuerst etwa sechs. Danach gibt es eine kurze Pause, und nach der Pause geht der Genosse auf die Fragen ein, und es können weitere Fragen gestellt werden. Um elf Uhr schließen wir den Abend.
Mir bleibt nicht viel mehr, als dem Genossen das Wort zu geben. Vielleicht darf ich noch einmal das Motto wiederholen, das unmissverständliche Motto, unter dem dieser Abend steht: Ja zum Sozialismus! Nein zur stalinistischen Bürokratie!
Teil 2 (Mandel, I): Warum Ungarn sich erhob
Nun, Genossen. Über die Tatsachen, zumindest in ihrer allgemeinsten Form, gibt es wenig Streit. Vor zwanzig Jahren hat sich die überwältigende Mehrheit der Lohn- und Gehaltsabhängigen in Ungarn gegen die bestehende politische Ordnung erhoben. Nach der Intervention der Sowjetarmee, der russischen Armee, nahm dieser Aufstand die Form einer Konfrontation zwischen der ungarischen Arbeiterklasse und dieser russischen Armee an. Etwa drei Wochen lang, drei, vier Wochen, herrschte in Ungarn ein Generalstreik. Es gab keine Produktion, keinen Verkehr, tagelang gab es kein fließendes Wasser, kein Gas, keinen Strom, keine Straßenbahnen. Die russischen Truppen in ihren Kasernen und Lagern bekamen kein Brot, kein Wasser und keinen Nachschub. Die russischen Befehlshaber waren gezwungen, mit den Vertretern der demokratisch gewählten Arbeiterräte zu verhandeln. Im Zentralen Arbeiterrat von Budapest saß ein Oberst der Sowjetarmee mit einem Dolmetscher; er nahm an allen Beratungen teil, und er war dazu gezwungen, denn es gab absolut keine Möglichkeit, normale wirtschaftliche Verhältnisse wiederherzustellen und die Produktion wieder in Gang zu bringen, es sei denn, man verhandelte mit den Produzenten. Und die Produzenten sagten: „Ihr könnt mit uns nur verhandeln, wenn ihr mit unseren Vertretern verhandelt, und unsere frei gewählten Vertreter, das sind die Mitglieder dieses Arbeiterrats.“
Warum dieser gewaltige Arbeiterkampf, einer der geschlossensten und am besten organisierten, die wir im 20. Jahrhundert erlebt haben, am Ende doch nicht gesiegt hat, darauf komme ich am Schluss dieses Vortrags kurz zu sprechen. Dass es aber ein solcher Arbeiterkampf war, steht unabhängig von allen anderen Faktoren fest. Der Streit, die Diskussion dreht sich um diese anderen Faktoren; um die Tatsachen selbst geht es kaum. Die bestreitet in Wirklichkeit niemand. Dass dort ein so breiter Arbeiterkampf stattgefunden hat, mit der Unterstützung aller anderen arbeitenden Schichten der Bevölkerung, mit der Unterstützung der Bauern, der Intellektuellen und des städtischen Kleinbürgertums, das gibt dieser ungarischen Revolution oder diesem ungarischen Volksaufstand, man mag es nennen, wie man will, einen sehr scharf umrissenen Charakter.
Wir müssen uns also zuerst die Frage stellen: Wie war das möglich? Wie war das möglich trotz des Abkommens von Jalta, das Europa in zwei Einflusssphären geteilt hat, die westliche und die russische? Trotz der Tatsache (man spricht heute von friedlicher Koexistenz und von den zwei Supermächten), dass die amerikanische Supermacht keinen einzigen Schuss abgefeuert hat, um dem ungarischen, angeblich konterrevolutionären Aufstand zu Hilfe zu kommen, und die Teilung Europas in zwei Einflusssphären 1956 strikt respektiert hat? Trotz der Tatsache, dass sich die ungarische Bevölkerung stark vom Rest der Welt isoliert fühlte, auf tragische Weise isoliert gegenüber einer übermächtigen Großmacht, der Sowjetunion, mit der stärksten Armee Europas? Wie kam es, dass dieser Aufstand dennoch stattgefunden hat?
Ich glaube, wir können dafür fünf Gründe nennen, fünf zentrale Gründe.
Erstens, und das ist bei Weitem der wichtigste Grund für diesen Aufstand, diese Revolution: Wir hatten es in Ungarn mit einem politischen Regime zu tun, in dem die politische Macht von einer kleinen Gruppe von Bürokraten, von Funktionären ausgeübt wurde, von einer Fraktion der ungarischen kommunistischen Bewegung, der Fraktion Rákosi–Gerő. Diese Fraktion war von der Arbeiterklasse völlig isoliert, von der arbeitenden Bevölkerung völlig isoliert. Und ich muss hinzufügen: auch von der Masse der Kommunisten völlig isoliert. Sie regierte nur noch mit Gewalt, mit Terror, mit der Geheimpolizei, indem sie politische Gegner einsperrte, wenn nicht folterte. Diese Isolierung hatte ein Ausmaß angenommen, das für die Masse der kommunistischen Aktivisten und sogar für einen wachsenden Teil der kommunistischen Funktionäre unerträglich geworden war.
Man kann sagen, dass eine solche diktatorische Herrschaft einer privilegierten, bevorrechteten Bürokratie auch in anderen Ländern Osteuropas besteht, auch in der Sowjetunion, und dass das an sich noch kein Grund für eine Revolution ist, oder zumindest nicht erklärt, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Revolution ausbricht. Das ist richtig. Der Widerspruch liegt darin, dass eine solche Diktatur einer sehr kleinen Gruppe von Beamten, isoliert von der Arbeiterklasse und vom Rest der Bevölkerung, nur möglich ist und auf Dauer nur bestehen kann, solange die arbeitende Klasse passiv ist. Solange die arbeitende Klasse entpolitisiert ist, keine Politik macht, sich nicht mit Politik befasst und nicht versucht, selbst Einfluss auf die Leitung der Wirtschaft, des gesellschaftlichen Haushalts und des Staates zu nehmen. Wir können also sagen: Was dieses Regime 1956 unhaltbar gemacht hat, war eine wachsende politische Bewusstwerdung und eine wachsende politische Aktivität einer Schicht nach der anderen, zuerst der Intellektuellen, der Studenten und der Jugend, danach der Arbeiterklasse, in den Monaten und Tagen vor dem 23. Oktober 1956. Die Hauptursache dieser Revolution ist also der unüberbrückbare Widerspruch zwischen einer isolierten bürokratischen Diktatur einer kleinen Fraktion an der Spitze der Kommunistischen Partei Ungarns und der wachsenden Bewusstwerdung und politischen Aktivität immer breiterer Schichten der arbeitenden Bevölkerung: in erster Linie Jugend, Studenten, Intellektuelle und Arbeiter.
Der zweite Grund, der mit dem ersten zusammenhängt, aber nicht ganz mit ihm zusammenfällt, liegt in Folgendem. 1955 vollzog die russische Staats- und Parteiführung ihre große Wende: Chruschtschow kam nach Belgrad und gab offen zu, dass Stalin und die Führung der internationalen stalinistischen Bewegung im Unrecht gewesen waren, als sie die jugoslawischen Kommunisten als Verräter, Faschisten oder Spione verketzerten, aus dem Kominform ausschlossen und von außen versuchten, die Partei- und Staatsführung abzusetzen, die von der großen Mehrheit der jugoslawischen Kommunisten anerkannt wurde. Von diesem Augenblick an, und noch stärker seit dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, war in allen osteuropäischen kommunistischen Parteien ein heftiger Fraktionskampf zwischen verschiedenen Gruppen und Strömungen der stalinistischen Bewegung im Gange. Sehr vereinfacht, und das ist simpel, aber na ja, können wir ihn auf einen Kampf zurückführen zwischen den Liberalen, der Fraktion, die eine gewisse Demokratisierung des Regimes befürwortete, und der konservativen, beharrenden, erzstalinistischen Fraktion, in Ungarn vertreten durch Rákosi und Gerő.
Das Symbol der liberalen Fraktion in der ungarischen Parteiführung war, ganz gegen seine eigene Absicht, denn er war weder ein energischer noch ein dynamischer Mann, der frühere Ministerpräsident Imre Nagy. Er war mit sehr bürokratischen Mitteln abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen worden. Und dadurch war er, ich sage es noch einmal, ohne es zu wollen und gewiss ohne eigenes Zutun, in den Augen breiter Schichten kommunistischer Aktivisten, vor allem Arbeiter- und Bauernaktivisten, zum Symbol eines, sagen wir, milden Widerstands, einer milden Opposition gegen den Erzstalinismus geworden.
Und der Ruf „Nehmt Imre Nagy wieder in die Partei auf, in die Parteiführung, ins Zentralkomitee und in die Regierung“ wurde innerhalb der Kommunistischen Partei Ungarns seit Ende 1955, Anfang 1956 immer lauter, vor allem nach dem XX. Parteitag. Immer mehr Aktivisten und Kader sagten: „Der XX. Parteitag hat bewiesen, dass Nagy recht gehabt hat und dass wir immer recht gehabt haben, als wir uns den brutalsten und niederträchtigsten Formen des Terrors widersetzten, wie sie unter Rákosi und Gerő angewandt wurden.“
International hängt das mit ähnlichen Kämpfen zusammen, die damals in der polnischen und in der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei stattfanden. In der polnischen Partei kam es das ganze Jahr 1956 hindurch zu einem sehr heftigen Fraktionskampf in der Führung und unter den Kadern. Das Symbol des liberalen Flügels der Bürokratie in Polen war Gomułka selbst, die gleiche Art von Figur wie Nagy, wenn auch energischer und auch weniger zuverlässig als Nagy, das möchte ich hinzufügen, vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus gesehen.
Um Gomułka wieder in die Parteiführung zu bringen, kam es in Polen zu einer sehr starken Arbeiterbewegung: große Streiks, Fabrikbesetzungen, auch die Bildung von Arbeiterräten, eine riesige Demonstration von fast einer halben Million Menschen in Warschau. Die Russen drohten damals, auch militärisch einzugreifen, um das zu verhindern. Chruschtschow erschien persönlich auf einer Sitzung des Zentralkomitees der polnischen Partei, um die Rückkehr Gomułkas zu verhindern.
Die Chinesen, und darauf komme ich in meinem Schlusswort noch zurück, weil es so widersprüchlich ist, die Chinesen haben den liberalen Kommunisten Gomułka gegen die Stalinisten in Polen leidenschaftlich verteidigt. Sie haben gedroht, öffentlich gedroht, im Falle einer militärischen Intervention in Polen offen Partei für die Polen zu ergreifen. Und das hat wahrscheinlich eine Rolle gespielt, nicht die entscheidende, aber eine Rolle dabei, das, was wir Gomułkas Machtergreifung nennen können, wenn man es so nennen will, möglich zu machen.
Es ist übrigens interessant, dass Gomułka auf der entscheidenden Sitzung des polnischen Zentralkomitees, die ebenfalls am 23. Oktober stattfand, genau in dem Augenblick, als die ungarische Revolution begann, in seinem Bericht (er war damals schon zum Ersten Sekretär gewählt) genau dieselben Argumente benutzt hat wie Nagy. Das Protokoll dieser Sitzung wurde später in einer Auflage von einer halben Million in der theoretischen Zeitschrift der polnischen Partei veröffentlicht und war in wenigen Tagen ausverkauft. Auf welchem Gebiet? Er prangerte den Terror an, den Missbrauch administrativer Mittel, die Verhaftung und Folterung politischer Gegner, die Unterdrückung der Rechte der Arbeiter in den Betrieben, die Nichtanerkennung des Streikrechts. Im Bericht Gomułkas gibt es ein ganzes Kapitel über die Notwendigkeit, das Streikrecht anzuerkennen, das übrigens auch in der jüngsten Änderung der chinesischen Verfassung offiziell anerkannt wird, sogar für ein sozialistisches Land.
All diese Punkte stehen im Programm Nagys, für das Nagy das ganze Jahr 1956 in der ungarischen Partei kämpft und um das sich eine mehr oder weniger organisierte Fraktion zu bilden beginnt, mit eigenen Versammlungen. Die berühmtesten oder berüchtigtsten waren die Versammlungen des Petőfi-Kreises, von Intellektuellen, in Budapest. Aber das war nur ein kleiner Teil. In gewissem Sinne wichtiger waren die Versammlungen der Studenten an der Universität, die Versammlungen von Jugendorganisationen, die Versammlungen in den Betrieben, die Versammlungen in den Gewerkschaften. Denn eine solche Bewegung läuft, wie übrigens später in der Tschechoslowakei 1968, sobald sie einmal in Gang kommt, parallel durch alle wichtigen arbeitenden Schichten der Bevölkerung. Sobald die Menschen politisch aktiv werden und die Zungen sich lösen, sagt jeder, was er auf dem Herzen hat. Und es sind immer dieselben oder ähnliche Sehnsüchte, Wünsche und Forderungen wie die, die ich eben aufgezählt habe.
Der dritte Grund für den Aufstand ist eine Besonderheit Ungarns, die in Polen keine oder nur eine nebensächliche Rolle gespielt hat, weil solche hässlichen Dinge in Polen glücklicherweise nicht passiert waren, und noch weniger in der Tschechoslowakei, obwohl es dort durchaus Grund für denselben Anstoß gegeben hätte. Das war eine ungeheure Empörung, nicht nur in kommunistischen Kreisen, vor allem unter den älteren Kommunisten und kommunistischen Kadern, sondern in breiten Kreisen der Bevölkerung, über das Zögern der Staats- und Parteiführung, alle Konsequenzen aus der Rehabilitierung der kommunistischen Opfer des Stalinismus selbst zu ziehen.
Wie ihr wahrscheinlich wisst, war der Generalsekretär der ungarischen Kommunistischen Partei in der Illegalität derjenige, der den Widerstand gegen die Nazis und gegen die ungarischen Faschisten geführt hatte. Er hatte die größte Anhängerschaft, weil er nicht wie Rákosi zwanzig oder fünfzehn Jahre im Ausland gewesen und erst nach der russischen Besetzung nach Ungarn zurückgekehrt war, sondern im Land geblieben war und dort den Kampf gegen die Faschisten geführt hatte, unter sehr großer Gefahr für sein Leben, selbstverständlich. Er war die populärste Figur unter den ungarischen Kommunisten, und er hatte auch (das ist nicht so sympathisch, wie man es gern hätte, aber na ja, es ist eine objektive Tatsache) die wichtigste Rolle bei der Eroberung der Macht durch die ungarischen Kommunisten gespielt, auf sehr bürokratische Weise, in den Jahren 1947 und 1948. László Rajk wurde als Verräter, Faschist, Titoist, Nationalist, Chauvinist und was weiß ich für dumme Beschuldigungen verurteilt, zum Tode verurteilt und hingerichtet, während der berüchtigten Prozesse der Jahre 1949 bis 1951. In der Tschechoslowakei war dasselbe mit dem Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei geschehen, Slánský. In Bulgarien war dasselbe mit dem Sekretär der bulgarischen Kommunistischen Partei geschehen, Kostow.
Warum diese Säuberungen in jener Zeit auf so skandalöse und unmenschliche Weise stattgefunden haben, damit wollen wir nicht zu viel Zeit verlieren; das ist nicht das Thema dieses Vortrags. Wir können es wahrscheinlich im Wesentlichen auf einen Faktor zurückführen. Stalin und die stalinistische Fraktion wollten einen Blutstrich ziehen zwischen denen, die blindlings alle russischen Befehle befolgten, und jenen stalinistischen Führern Osteuropas, von denen man glaubte, dass sie aufgrund ihrer relativen Popularität und ihrer relativen Basis unter den kommunistischen Aktivisten eines Tages in Versuchung kommen könnten, dem Beispiel Titos und Mao Zedongs zu folgen, das heißt, eine eigenständige kommunistische Politik in ihrem eigenen Land zu betreiben. Jede Versuchung, einen solchen eigenständigen Weg einzuschlagen, musste also zerschlagen werden, indem man alle Tito- und Mao-Kandidaten in diesen Ländern als Verräter, Faschisten, Trotzkisten, Titoisten, Konterrevolutionäre und Verbrecher hinstellte.
Gut, nach der Rehabilitierung Titos 1955 war es selbstverständlich nicht mehr möglich, diese alten kommunistischen Aktivisten weiterhin Verräter zu nennen, denn die Hauptbeschuldigung lautete, sie seien Agenten Titos gewesen. Wenn Tito ein Faschist ist, schön, dann ist ein Agent Titos auch ein Faschist. Aber wenn Tito kein Faschist mehr ist, sondern ein guter Kommunist … Ihr erinnert euch vielleicht an die berühmte oder berüchtigte Erklärung Chruschtschows, als er auf dem Flughafen von Belgrad aus dem Flugzeug stieg: „Innig geliebter Genosse Tito, innig geliebte jugoslawische Genossen, wir bitten euch aus tiefstem Herzen um Verzeihung für das Unrecht, das wir euch unter dem Druck des Provokateurs Berija angetan haben.“ Berija wurde dann natürlich zum Sündenbock für all das erklärt. Nach solchen aufsehenerregenden öffentlichen Erklärungen, die von der ganzen osteuropäischen Presse veröffentlicht wurden, war es selbstverständlich nicht mehr möglich, die Pseudo-Titoisten (denn Rajk ist nie ein wirklicher Titoist gewesen, ebenso wenig wie Slánský oder Kostow), Menschen, die man zu titoistischen Agenten erklärt hatte, weiterhin als Verbrecher, Faschisten und Verräter hinzustellen. Es kam also zu einer, sagen wir, halboffiziellen, teilweisen Rehabilitierung dieser alten kommunistischen Führer.
Ungefähr dasselbe ist in der Sowjetunion nach dem XX. Parteitag geschehen. Man gibt zwar zu, dass diese Prozesse alle Lügen waren, dass die Beschuldigungen gegen die alten russischen Kommunisten erlogen waren. Aber man wagt es nicht, sie offen zu rehabilitieren, weil man Angst vor den Folgen hat. Und tatsächlich können solche Rehabilitierungen gewaltige Folgen haben, eine echte Kettenreaktion auslösen. Denn es gab sehr viele Mitschuldige an diesen Verhaftungen und Verurteilungen, und viele, viele von ihnen haben danach sehr wichtige Positionen behalten. Chruschtschow selbst ist einer der Hauptschuldigen an der Repression, im kleinen Maßstab, in der Ukraine. Er war damals kein großer Chef, er war nur ein kleiner Chef. Aber na ja, die kleinen Chefs haben in ihren Bezirken, in Dörfern und Städten, ebenfalls Tausende Unschuldige verurteilen und deportieren lassen. Und natürlich sind sie davor zurückgeschreckt, die vollständige Rehabilitierung all ihrer Opfer anerkennen zu lassen.
Dasselbe ist also auch in Ungarn geschehen. Aber dort ist aufgrund der großen Popularität Rajks und aufgrund der Anwesenheit seiner Witwe, Júlia Rajk, einer guten kommunistischen Aktivistin, die übrigens heute noch in Budapest lebt und sich sehr aktiv dafür eingesetzt hat, die Ehre ihres Mannes wiederherzustellen, eine große Volksbewegung in Gang gekommen, und sie ist einer der Zünder des Aufstands gewesen. Einige Wochen vor dem Aufstand ist die erste große Massenbewegung in Budapest eine Demonstration von mehr als zweihunderttausend Menschen, die der Witwe Rajk, die allein vorangeht, durch die Straßen der ungarischen Hauptstadt zum zweiten Begräbnis Rajks folgen. Diesmal ist das offizielle Begräbnis nicht das eines Verbrechers, sondern das eines kommunistischen Widerstandskämpfers, eines edlen kommunistischen Aktivisten.
Und der vierte Grund für den Aufstand ist, wenn ihr so wollt, die Summe nationaler Reibungen wirtschaftlicher und politischer Art. Das nationale oder das nationalistische Element (wir können es ruhig so nennen) in diesem Aufstand ist sehr groß. Die Ungarn, das ungarische Volk, fühlen sich von einer großen fremden Macht unterdrückt, der Sowjetunion. Sie fühlen sich von einer fremden Macht ausgebeutet. Darin steckt ein Element der Übertreibung, und es steckt ohne Zweifel, absolut, ein Element der Wahrheit darin.
Teil 3 (Mandel, II): Was für eine Revolution?
Viele Genossen, vor allem die Maoisten, glauben, dass die wirtschaftliche Ausbeutung der Länder Osteuropas erst existiert, seit der Kapitalismus dort 1956 auf geheimnisvolle Weise wiederhergestellt wurde. In Wirklichkeit gibt es Elemente wirtschaftlicher Ausbeutung seit dem ersten Tag der russischen Besetzung, seit 1944/45.
Und wenn wir die Dinge genauer betrachten, müssen wir zugeben, dass diese wirtschaftliche Ausbeutung unter Stalin, in den ersten Jahren der Besetzung, viel schlimmer war als später. Ich nenne nur eine Tatsache, eine unter vielen. Unter Stalin wurden in Ungarn, wie in den anderen von den russischen Armeen besetzten Gebieten, wirtschaftliche Einrichtungen geschaffen, die sich offen (das scheint heute fast unglaublich) sowjetische Aktiengesellschaften nannten: Gesellschaften im Eigentum der Sowjetunion, die auf fremdem Boden Arbeitskraft ausbeuteten und Rohstoffe und Fertigwaren in die Sowjetunion brachten. Sie handelten also, wie ausländisches Kapital im Ausland handelt. Diese Gesellschaften bestanden bis 1953, bis nach Stalins Tod. Und wenn sie damals aufgelöst und dem ungarischen Volk zurückgegeben wurden, wie sie der ostdeutschen, der österreichischen Bevölkerung und der Bevölkerung der anderen damals von der russischen Armee besetzten Länder Osteuropas zurückgegeben wurden, dann nicht deshalb, weil Stalins Nachfolger bessere Menschen waren als Stalin selbst. Sondern weil der Widerstand gegen diese Formen der Ausbeutung so groß geworden war, dass er zu einer ersten Explosion geführt hatte: dem ostdeutschen Arbeiteraufstand von 1953.
Nach diesem Arbeiteraufstand, und das ist eines der positiven Ergebnisse, die er erreicht hat, war die Sowjetregierung gezwungen, die sowjetischen Aktiengesellschaften in Osteuropa aufzulösen und ganz allgemein ihren Griff auf die Wirtschaft dieser Länder zu lockern. Ich sage nicht, ganz aufzugeben, sondern zu lockern; dieser Griff besteht übrigens heute noch, milder als unter Stalin, aber immer noch mit sehr vielen negativen und unangenehmen Erscheinungen. Hinzu kommt, dass die politische Führung der ungarischen Kommunistischen Partei und der ungarischen Regierung von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung als Statthalter einer fremden Macht empfunden wurde: nicht als gewählte Vertreter der ungarischen Arbeiterklasse, sondern als direkte Vertreter der Russen, der fremden Herrscher und Unterdrücker.
Und zweifellos ist das ungarische Nationalgefühl, wie das polnische, historisch antirussisch, aus historischen Gründen, die sehr gut bekannt sind. Die große bürgerlich-demokratische Revolution in Ungarn, die Revolution von 1848, ist von den Russen, von den russischen Zaren niedergeschlagen worden. Die Zaren schickten damals Truppen nach Ungarn, um die Herrschaft der österreichischen Kaiser wiederherzustellen, die von der ungarischen Revolution gestürzt worden war. Und das Russland der Zaren wurde in Ungarn, wie in Polen, mit Konterrevolution, Unterdrückung und Zwangsherrschaft gleichgesetzt.
Das ist zum Beispiel nicht der Fall in der Tschechoslowakei. Es ist nicht der Fall in Bulgarien oder in Jugoslawien, wo es eine andere historische Tradition gibt: die Tradition des Panslawismus als Idee, der Unterstützung Russlands für den Befreiungskampf der kleinen slawischen Nationalitäten. Dort gibt es historisch kein antirussisches Gefühl, überhaupt nicht; selbst unter den bürgerlichen und reaktionären Regierungen vor und nach dem Ersten Weltkrieg herrschte dort wegen dieser historischen Tradition eine gewisse Sympathie für jede beliebige russische Regierung. Man kann also sagen, und das ist eine Tatsache, dass rechte Strömungen in Ungarn nach 1945 aufgrund der dort herrschenden antirussischen Tradition nationalistische Elemente in jede beliebige politische Bewegung einbringen konnten.
Das ist eine Tatsache. Aber es ist auch eine Tatsache, dass die besondere Form des politischen Regimes, der politischen Herrschaft, die die stalinistische Fraktion dort eingeführt hatte, ihnen das außerordentlich leicht gemacht hat, und vor allem die erste Intervention. Ich würde sagen: Da gab es einen Wendepunkt. Vor dem 23. Oktober waren alle oppositionellen Kräfte, selbst die antikommunistischen, aus sehr offensichtlichen Gründen äußerst vorsichtig und vermieden jede Formulierung, die man vom russischen Standpunkt aus als feindselig oder zweifelhaft hätte betrachten können. Es ist interessant zu sehen, dass selbst die ungarischen Sozialdemokraten, als sie am Vorabend des 23. Oktober noch in der Illegalität waren, die Mitgliedschaft Ungarns im Warschauer Pakt nicht offen in Frage zu stellen wagten. Das geschah nicht aus tiefer Überzeugung, denn sie sind gewiss keine Befürworter des Warschauer Pakts, sondern weil sie den Russen keinen Vorwand zum Eingreifen liefern wollten; das versteht sich von selbst.
Sie nahmen eine ähnliche Haltung ein, wenn wir eine Parallele ziehen dürfen, wie heute die italienischen und die französischen Kommunisten, die sagen: „Ja, wenn wir Minister werden, dann treten wir nicht aus der NATO aus. Denn wenn wir sagten, dass wir die von unseren Staaten unterzeichneten Verträge brechen würden, dann würde die Tatsache, dass wir Minister werden, sofort eine große internationale Krise auslösen. Und wir wollen den Amerikanern keinen Vorwand liefern, eine solche Krise herbeizuführen.“ Ob das im Fall der italienischen und der französischen Kommunisten richtig oder falsch ist, darüber will ich nicht sprechen. Ich will nur auf die Parallelität dieser Lage hinweisen.
Vor dem 23. Oktober wurde also, trotz der großen Feindseligkeit der Bevölkerung gegenüber dem, was man die russische Ausbeutung und die russischen Fremden nannte, die Mitgliedschaft Ungarns im Warschauer Pakt von niemandem in Frage gestellt. Sie kam in keinem einzigen politischen Programm vor, das man in Ungarn diskutierte. Doch dann kam die erste militärische Intervention, als die Russen Panzer gegen die ungarischen Arbeiter und Studenten rollen ließen und schossen. (Man darf es auch nicht übertreiben: Am 23. Oktober gab es kein gewaltiges Blutbad, aber das Militär hat eingegriffen.) Das Blutbad wurde von der ÁVO ausgelöst, der Geheimpolizei der ungarischen Stalinisten, die vor dem Budapester Rundfunkgebäude auf eine unbewaffnete Menge schoss und damit die Volkswut entfesselte. Sie haben eine regelrechte Provokateursrolle gespielt, wahrscheinlich bewusst. Nach diesen ersten militärischen Zusammenstößen schossen das antirussische Gefühl und der ungarische Nationalismus gewaltig in die Höhe, und in den folgenden Wochen war das nationale Element in diesem Aufstand zweifellos ein sehr wichtiges Element.
Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Dasselbe war in der Tschechoslowakei 1968 der Fall, und dasselbe wird überall in Osteuropa der Fall sein. Das ist unvermeidlich. Wenn man dort eine Lage hat, in der die militärische Macht einer Großmacht, der Sowjetunion, als das erscheint, was über das politische Regime in jedem dieser Länder entscheidet, dann herrscht selbstverständlich ein stillschweigender Widerstand gegen diese unannehmbare und undemokratische politische Lage. Und sobald die politischen Gefühle zum Ausdruck kommen können, werden sie unter anderem auch sehr scharfe antirussische Gefühle mit sich bringen. Ob das positiv oder negativ ist, hängt davon ab, wie man zur Sowjetunion, zur Sowjetregierung steht; aber es ist eine Folge. Es ist keine Ursache, es ist eine Folge von Herrschaftsformen, die vom sozialistischen Standpunkt, vom Standpunkt der Arbeiterdemokratie, der Rätedemokratie oder der sozialistischen Demokratie aus unannehmbar sind. Wenn man die nationalen Gefühle und die nationalen Bestrebungen vieler großer Völker unterdrückt, dann wird man früher oder später einen hohen Preis dafür bezahlen. Die Russen haben diesen Preis in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 bezahlt, und sie werden in Zukunft noch oft einen hohen Preis dafür bezahlen. Das ist unvermeidlich. Ob man das nun bedauert oder nicht, es ist eine Tatsache.
Wir können uns jetzt also die Frage stellen: Was war dieser Aufstand? Was war diese Revolution? Was ist eine Revolution? Eine Revolution, sagt Lenin, ist eine Veränderung der Herrschaftsformen, die stattfindet, wenn die oben, die Regierenden, nicht mehr weiter regieren können wie bisher, und wenn die unten, die normalerweise Regierten, sich nicht mehr regieren lassen wie bisher. In diesem Sinne, wenn man diese beiden Faktoren zusammennimmt, kann man wirklich sagen: Das war eine Revolution.
Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass die Fraktion Rákosi–Gerő nach dem 23. Oktober 1956 in Ungarn nicht mehr regieren konnte. Sie ist buchstäblich zerplatzt. Daraus müssen wir übrigens einige Schlussfolgerungen ziehen; ich komme gleich noch auf das Wesen, das Ausmaß, die Dauer und die relative Leichtigkeit einer politischen Revolution gegen eine herrschende Bürokratie in einem bürokratisierten Arbeiterstaat zu sprechen. Sobald die Arbeiterklasse massenhaft in Bewegung gerät, kann diese Bürokratie nicht mehr regieren, gerade weil sie keine Klasse ist, gerade weil sie keine eigenständige Rolle in der Gesellschaft, im Produktionsprozess, im normalen Gang der Dinge spielt, weil sie nur durch die Usurpation der Macht der Arbeiter regiert. Sobald diese Arbeiter in Bewegung geraten, kann diese Bürokratie nicht mehr regieren. Sie ist buchstäblich nicht mehr in der Lage, einen einzigen Befehl ausführen zu lassen.
Und das ist in Ungarn nach dem 23. Oktober geschehen. Es gibt dort kein Ministerium, keine Gemeindeverwaltung, keine Provinzverwaltung, in der die alten Direktoren, die alten Herrscher, die alten Bürokraten von vor dem 23. Oktober noch etwas erreichen können; ich sage nicht erreichen, sie versuchen es nicht einmal mehr. Die ganze Verwaltung zerplatzt wie eine Seifenblase. Sie verschwindet. Sie ist nicht mehr da. Das ist so sehr der Fall, dass es Ministerien und Verwaltungen gibt (wenn ich Ministerien sage, müsst ihr natürlich an einen Arbeiterstaat denken, in dem ganze Wirtschaftszweige ebenfalls von Ministerien verwaltet werden, die also nicht nur Verwaltungsbehörden sind, sondern auch Einrichtungen der Wirtschaft, wirtschaftliche Verwaltungen wie Trusts und Handelsorganisationen), ganze Verwaltungen, in denen zwei Wochen lang niemand oberhalb einer bestimmten Stellung mehr ins Büro kam. Sie wussten, dass sie dort nichts mehr zu sagen hatten, und manche von ihnen hatten wahrscheinlich Angst. Nicht etwa vor Repression, denn die Arbeiter sind im Allgemeinen sehr großzügig, oft zu großzügig, wenn sie die Macht haben; aber zumindest Angst, ein paar Ohrfeigen zu bekommen und von der städtischen Bevölkerung ein paar Wahrheiten zu hören.
Es ist interessant, auffallend und eine Bestätigung der revolutionär-marxistischen Theorie vom Wesen des Proletariats, in der kapitalistischen Gesellschaft ebenso wie in der Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Sozialismus, dass die Wahl von Arbeiterräten fast überall spontan erfolgte, sobald die Arbeiterklasse in Ungarn als Ganzes in Bewegung geraten war. Es ist verblüffend zu sehen, wie spontan das geschehen ist, wie gleichlaufend und wie ähnlich. Ich sage nicht identisch, denn wenn die Dinge spontan geschehen, gibt es immer Unterschiede. Aber na ja, wie ähnlich das Forderungsprogramm und das Programm der Einrichtungen, sagen wir das Statutenprogramm, dieser Arbeiterräte überall in Ungarn gewesen ist.
Es ist interessant festzustellen, und auch das ist für uns eine große Lehre, weil es bestätigt, was wir seit fünfzig Jahren über die west- und mitteleuropäische Arbeiterklasse sagen, dass der unmittelbare Anlass für die Wahl dieser Arbeiterräte der Kampf ist. Die Arbeiterräte werden gewählt, um den Generalstreik gegen die russische Intervention vom 23. Oktober wirksam zu machen, effizient zu machen. Das ist das unmittelbare Motiv. „Wir organisieren einen Generalstreik. Dieser Generalstreik muss verdammt noch mal wirksam sein. Wir wollen ihn organisieren, wir wollen nicht, dass er uns aus den Händen gleitet. Also wählen wir Arbeiterräte, als Streikkomitees.“ Das ist buchstäblich derselbe Ursprung wie der der russischen Räte von 1905 und vom Februar/März 1917: als Streikkomitees, als direkte Vertreter streikender, kämpfender Arbeiter.
Aber sehr schnell, infolge des Zerplatzens der Verwaltung, der Staatsverwaltung im ganzen Land (und hier ist die Analogie die mit 1917 oder mit Deutschland 1918, nicht mit 1905, denn 1905 war die zaristische Verwaltung nicht zerplatzt), infolge des Zerplatzens, des Verschwindens, der Auflösung des stalinistischen Staatsapparats, waren diese Arbeiterräte gezwungen, neben ihren Aufgaben als Organisatoren des Generalstreiks auch positive Dinge zu tun. Die Versorgung der Bevölkerung organisieren. Dafür sorgen, dass der Strom, wenn er für die Industrie und für die Kasernen abgeschaltet wird, nicht für die gewöhnliche Zivilbevölkerung abgeschaltet wird: dass die Arbeiter selbst zu Hause Strom bekommen, und Wasser, das, ich sage es noch einmal, für die Kasernen und die anderen vom Besatzer genutzten Einrichtungen abgeschaltet wird. Eine ganze Reihe positiver Aufgaben musste also von diesen Arbeiterräten geregelt werden. Sie begannen also, wenn ihr so wollt, und in embryonaler Form, staatliche Funktionen auszuüben, wie es jede Räteorganisation in der Geschichte des Arbeiterkampfes seit der Pariser Kommune getan hat.
Und wir sagen also: Das ist eine Revolution. Die oben können nicht mehr regieren. Die unten wollen nicht mehr auf die herkömmliche Weise regiert werden; sie versuchen, eine andere Form der Regierung zu bekommen. Und jetzt bleibt nur noch eine Frage: Was für eine Art von Revolution ist das?
Der historische Materialismus lehrt uns, dass in der Geschichte der Gesellschaft verschiedene Revolutionen möglich sind. Es gibt soziale Revolutionen, es gibt soziale Konterrevolutionen, und es gibt politische Revolutionen. Was ist eine soziale Revolution? Eine soziale Revolution ist der Übergang der Macht von einer reaktionären auf eine fortschrittliche gesellschaftliche Klasse. Was ist eine soziale Konterrevolution? Das ist die Rückkehr der Macht von einer fortschrittlichen zu einer reaktionären gesellschaftlichen Klasse. Und was ist eine politische Revolution? Eine politische Revolution ist der Übergang der politischen Macht innerhalb ein und derselben Klasse, von einer Fraktion dieser Klasse auf eine andere, ohne Veränderung der grundlegenden Produktionsverhältnisse, ohne Veränderung des sozioökonomischen Systems.
Ist das möglich, eine politische Revolution ohne Veränderung des sozioökonomischen Systems? Selbstverständlich. Wir haben in der Geschichte viele erlebt. Ich will nur zwei Beispiele nennen, die beiden klassischen Beispiele, die Karl Marx selbst anführt, aber es gibt viele andere: die Französische Revolution von 1830 und die Französische Revolution von 1848. In beiden Fällen haben wir es selbstverständlich mit einer Revolution zu tun. Im ersten Fall wird eine Dynastie gestürzt; im zweiten wird die Monarchie durch die Republik ersetzt. Haben wir es mit einer sozialen Revolution zu tun? Nein. Um von einer sozialen Revolution zu sprechen, müsste man annehmen, dass vorher der Adel an der Macht war und vom Bürgertum gestürzt wurde. Wir wissen, dass der Adel 1789 vom Bürgertum gestürzt wurde. Die bürgerliche Revolution hat in Frankreich 1789 stattgefunden, und seit 1789 ist Frankreich ein kapitalistisches Land. Die Macht liegt dort in den Händen der Bourgeoisie, nicht des Feudaladels; der Feudalismus ist seit 1789 als gesellschaftlich herrschende Klasse ausgeschaltet. Wenn also seit 1789 die Produktionsverhältnisse, die sozioökonomische Struktur, die Produktionsweise kapitalistisch sind, dann kann selbstverständlich weder 1830 noch 1848 von einer sozialen Revolution die Rede sein. Man kann keine bürgerliche soziale Revolution gegen die Bourgeoisie durchführen. Wenn dieselbe gesellschaftliche Klasse an der Macht bleibt, hat man selbstverständlich keine soziale Revolution. Was man in Frankreich 1830 und 1848 gehabt hat, ist eine politische Revolution: Das heißt, eine andere Fraktion derselben herrschenden Klasse kam an die Macht.
Marx hat das in seinen politischen Schriften über Frankreich im 19. Jahrhundert geschildert. Er sagt, dass der Teil der Bourgeoisie, der 1830 an die Macht kam, die Bankiers waren. Die Bankiers sind keine gesellschaftliche Klasse, sie sind ein Teil einer gesellschaftlichen Klasse. Die gesellschaftliche Klasse ist die Kapitalistenklasse; die Bankiers sind ein Teil dieser Klasse. Und in der politischen Revolution von 1848 kam ein anderer Teil dieser bürgerlichen Klasse an die Macht: die Fabrikanten, die Industriellen. Zwei politische Revolutionen haben also im Rahmen ein und desselben sozioökonomischen Systems und auf der Grundlage derselben Produktionsverhältnisse aufeinanderfolgende Fraktionen ein und derselben Klasse, der Bourgeoisie, an die Macht gebracht.
Und wir sagen also, dass eine politische Revolution in der Geschichte der Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Sozialismus etwas Gleichartiges ist. Sie stellt den Kapitalismus nicht wieder her, sie bringt die Bourgeoisie nicht an die Macht zurück. Sie stellt das Privateigentum nicht wieder her. Sie stellt die Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital nicht wieder her. Sie stellt also nicht die Macht einer konterrevolutionären herrschenden Klasse wieder her, sondern sie verändert die Fraktion der Lohn- und Gehaltsabhängigen, der Lohnarbeiter, die die Macht ausübt. Die Bürokratie ist eine Fraktion der Lohn- und Gehaltsabhängigen. Es sind Menschen, die Lohn beziehen: viel Lohn, viel mehr Lohn als die gewöhnlichen Arbeiter, viel mehr Privilegien, aber Privilegien in Form von Lohn, von Gehalt, nicht in Form von Privateigentum. Es ist also, wenn ihr so wollt, eine parasitäre Fraktion innerhalb der Lohn- und Gehaltsabhängigen.
Sie ist eine parasitäre Krebsgeschwulst, sagt Trotzki, am Körper der Arbeiterklasse, aber eben an diesem Körper, nicht an dem einer anderen Klasse. Die politische Revolution entfernt diese Krebsgeschwulst. Sie legt die Macht in die Hände der Masse der Arbeiterklasse. Sie ist also eine politische Revolution, eine Veränderung des politischen Regimes, aber ohne Umsturz der sozioökonomischen Struktur.
Teil 4 (Mandel, III): Die Widersprüche der Verleumder und die Grenzen der Spontaneität
Ungarn unter der Macht der Arbeiterräte war kein kapitalistisches Land. Es war kein Land, in dem die Fabriken den Kapitalisten zurückgegeben wurden oder in dem der Boden, der nach 1945 unter den Bauern verteilt worden war, dem Adel oder der Kirche zurückgegeben wurde. Es behielt dieselbe sozioökonomische Struktur. Aber das Gemeineigentum wurde nicht mehr von einer kleinen privilegierten Bürokratie verwaltet. Es wurde von demokratisch gewählten Arbeitern verwaltet. Das ist ein typisches Beispiel für eine politische Revolution.
Zum Schluss müssen wir uns jetzt zwei Fragen stellen. Erstens: Wie können wir erklären, dass es immer noch Leute gibt, sowohl in den offiziellen kommunistischen Parteien als auch in den maoistischen Gruppen, die den ziemlich eindeutigen Charakter der ungarischen Revolution von 1956 in Zweifel ziehen und diese Revolution weiterhin verleumden? Denn anders können wir es nicht nennen. Zweitens: Warum wurde diese Revolution geschlagen? Warum ist es den ungarischen Arbeitern trotz des gewaltigen Ausmaßes und der gewaltigen Einmütigkeit, der Geschlossenheit ihres Kampfes nicht gelungen, den Sieg zu erringen oder zu behaupten, die Macht der Arbeiterräte endgültig zu errichten? Und warum wurden diese Arbeiterräte nach sechs, sieben, acht, neun Wochen zerschlagen und unterdrückt, und viele ihrer Führer erschossen, gehängt, ins Gefängnis geworfen oder zur Emigration gezwungen?
Erste Frage: Warum wird der wirkliche Charakter dieser politischen Revolution immer noch in Zweifel gezogen? Für die offiziellen kommunistischen Parteien war das sehr lange ziemlich klar, weil ihre allgemeine Linie darin bestand, die Interessen der Weltrevolution und des internationalen Proletariats mit den Interessen der Sowjetregierung gleichzusetzen. Und da dies ein Aufstand gegen ein von der Sowjetregierung gestütztes Regime war, war es ein konterrevolutionärer Aufstand. Mehr braucht man da nicht dahinter zu suchen. Es ist ein reiner Syllogismus. Sozialismus gleich Sowjetregierung. Widerstand gegen die Sowjetregierung gleich Widerstand gegen den Sozialismus, also gegen die Revolution. Das Universum, das geistige, mentale, psychologische, intellektuelle Universum eines klassischen Stalinisten unserer belgischen oder der französischen oder der italienischen Kommunistischen Partei war einfach. Ein bisschen simpel, aber na ja, es war einfach und homogen, und 1956 war es in sich geschlossen.
1976 wird es schwieriger. Die Freunde von der Kommunistischen Partei Belgiens haben die These, dass jeder, der sich irgendeinem Beschluss der russischen Staatsführung widersetzt, gegen den Sozialismus und also gegen die Revolution ist, zusehends fallen lassen. Heute haben auch sie sich manchen Beschlüssen der russischen Staatsführung widersetzt. Sie verurteilen zum Beispiel die russische Intervention in der Tschechoslowakei 1968. Sind sie dann auch Antikommunisten? Sind sie auch Handlanger des westlichen Imperialismus geworden, weil sie sich dagegen gewandt haben? Nun, sie geraten in einen Widerspruch. Sie müssen jetzt anfangen, die Ereignisse in Ungarn nicht mehr mit diesen allgemeinen, simplen Syllogismen abzuhandeln, sondern sie genauer, im Einzelnen zu untersuchen. Und dann geraten sie in Schwierigkeiten.
Es ist schwer zu beweisen, dass eine geschlossene Arbeiterklasse (ich wiederhole: eine geschlossene Arbeiterklasse), die wochenlang einen totalen Generalstreik erfolgreich durchgeführt hat, konterrevolutionär ist, und dass die Arbeiterräte, die sie gewählt hat, demokratisch gewählt, in den Fabriken gewählt, auf Fabrikversammlungen gewählt, Instrumente des internationalen Imperialismus gewesen sein sollen. Der Widerspruch geht übrigens noch tiefer. Wenn wir uns die Dokumente ansehen, sehen wir, dass Kádár selbst, der bis heute an der Spitze der ungarischen Kommunistischen Partei und der ungarischen Regierung steht, diese Räte anerkannt hat, anerkannt hat, dass diese Räte die wirklichen Vertreter der ungarischen Arbeiter waren. In mehreren seiner Regierungserklärungen hat er gesagt, dass er diese Räte als wirtschaftliche Organe der Betriebsverwaltung beibehalten und in die neue ungarische Verfassung aufnehmen werde. Und ich habe es schon gesagt: Die russischen Militärbefehlshaber selbst haben diese Räte anerkannt. Wie ist es dann möglich, dass uns Genossen der belgischen, der französischen oder der italienischen Kommunistischen Partei zwanzig Jahre später erzählen, diese frei gewählten Arbeiterräte seien Instrumente des Imperialismus, Instrumente irgendeiner Konterrevolution gewesen, wo sie doch von Kádár und den Russen selbst als Vertreter der ungarischen Arbeiterklasse anerkannt waren?
Feinere Apologeten der russischen Konterrevolution und der Konterrevolution Kádárs in Ungarn sagen: „Nun, es mag wahr sein, dass diese Arbeiterräte wirkliche Vertreter der ungarischen Arbeiter waren, aber die ungarischen Arbeiter waren verwirrt. Sie waren politisch verwirrt. Infolge der Fehler von Rákosi und Gerő waren sie nicht mehr bereit, den Kommunisten zu folgen. Es bestand also die Gefahr, dass diese Arbeiterräte unter den Einfluss von linken Sozialdemokraten, Trotzkisten, rechten Sozialdemokraten, kleinbürgerlichen Parteien, konterrevolutionären Parteien geraten würden. Und das hätte auf die Dauer zu einer Konterrevolution führen können.“
Nun, die Antwort darauf wurde nicht nur von der IV. Internationale gegeben; sie wurde sogar von dem jugoslawischen Kommunisten Tito gegeben. Man kann schwerlich leugnen, dass er ein Kommunist ist, und ein Kommunist, der etwas von der Eroberung der Macht versteht. Er ist zumindest der einzige Kommunist in Europa, der nach dem Zweiten Weltkrieg an der Spitze einer kommunistischen Partei in seinem eigenen Land und aus eigener Kraft die Macht erobert hat. Und Tito hat im November 1956 gesagt: „Was die Russen und die ungarische Fraktion Kádárs in Ungarn nicht gewagt haben, das ist, die große taktische Regel des Leninismus aus der Russischen Revolution anzuwenden: Alle Macht den Räten. Hätten die ungarischen Kommunisten es gewagt, die Losung ‚Alle Macht den Räten‘ auszugeben, dann wäre ihr politischer Einfluss in der ungarischen Arbeiterklasse gewaltig gestiegen, und sie hätten zumindest die Chance gehabt, ihr verlorenes politisches Ansehen allmählich zurückzugewinnen.“ Und er fügte hinzu: „Man hätte immer noch eingreifen können, immer noch dazwischentreten können, sechs Monate später, ein Jahr später, zwei Jahre später, nachdem diese politische Erfahrung gemacht worden wäre. Man hat diese politische Erfahrung nicht machen lassen wollen.“ Er sagt nicht, warum, aber für mich ist es klar. Weil die russische Bürokratie Angst vor Arbeiterräten hat, Angst vor Arbeiterdemokratie, Angst vor Rätedemokratie, Angst davor, dass die Arbeiterklasse selbst die Macht ausübt.
Für unsere maoistischen Freunde ist der Widerspruch noch größer. Es fällt ihnen noch schwerer, die Ereignisse in Ungarn in gesellschaftlichen, marxistischen Klassenbegriffen zu erklären. Sie stehen vor folgendem Rätsel. In Russland existiert der Kapitalismus. Der Kapitalismus wurde von Chruschtschow wiederhergestellt, wenn ich mich nicht irre auf dem XX. Parteitag der KPdSU, im Februar 1956. Der Konterrevolutionär Chruschtschow, Vertreter des Sozialimperialismus und des Sozialfaschismus, interveniert in Ungarn gegen die ungarischen Arbeiter. Die Konterrevolution interveniert gegen die Konterrevolution. Merkwürdig. Können wir das logisch miteinander in Einklang bringen? Ist Chruschtschow vielleicht in Ungarn eingeschritten, um die Diktatur des Proletariats zu verteidigen? Aber warum sollte Chruschtschow, der die Diktatur des Proletariats in Russland zu Fall gebracht hat, die Diktatur des Proletariats in Ungarn verteidigen? Das ist doch eine merkwürdige Sache.
Chruschtschow vertritt den Sozialimperialismus, der die anderen osteuropäischen Länder zu Kolonien gemacht hat. Ein Aufstand in den Kolonien, selbst ein Aufstand der Bourgeoisie, ist ein fortschrittlicher Aufstand. Vielleicht haben wir es in Ungarn mit einem fortschrittlichen Aufstand der nationalen Bourgeoisie zu tun? Nein, heißt es, wir haben es mit einer Konterrevolution zu tun. Einer Konterrevolution gegen den Sozialimperialismus. Das ist doch eine außerordentlich merkwürdige Sache, aus der man kaum schlau wird. Und diese Konterrevolution gegen den Sozialimperialismus wird von Millionen von Arbeitern durchgeführt, organisiert in ihren Betrieben, in Arbeiterräten, die die Fabriken übernehmen, die Fabriken in die Hand nehmen, die Macht in die Hand nehmen, die Waffen in die Hand nehmen. Um was zu tun? Um diese Fabriken dem Kapitalismus zurückzugeben? Wo habt ihr je eine Arbeiterklasse gesehen, die so etwas tut? Die die Fabriken in die Hand nimmt, die Leitung der Fabriken in die Hand nimmt, nur mit dem Wunsch, sie dem Klassenfeind zurückzugeben?
Dieser Klassenfeind war übrigens gar nicht mehr da: Die Bourgeoisie war physisch nicht mehr vorhanden. Die ungarischen Bürger saßen in Amerika und in Westdeutschland, nicht in Ungarn. Sie hatten sich abgesetzt, und von ihrem Standpunkt aus zu Recht, weil sie dort nichts mehr zu melden hatten. Und was diese ungarischen Arbeiter mit diesen Betrieben tun wollten, das könnt ihr in ihren Erklärungen nachlesen. Denn sie haben alle ein Programm veröffentlicht, eine Reihe von Programmpunkten, von Forderungen, und in Broschüren und anderen Schriften sind viele Beispiele davon wiedergegeben. Ihr könnt alle diese Erklärungen, Deklarationen, Programme und Forderungsprogramme dieser Arbeiterräte durchgehen: Es findet sich kein einziges Beispiel, in dem nicht wörtlich steht (denn diese Arbeiter sind klassenbewusste Arbeiter, und Arbeiter, die klug genug sind, um zu verstehen, was für Verleumdungen man international gegen sie verwenden wird), es gibt keine einzige Erklärung eines Arbeiterrats, in der nicht wörtlich steht: Wir sind gegen die Wiederherstellung des Privateigentums. Wir sind gegen die Rückgabe unserer Betriebe an die früheren kapitalistischen Eigentümer. Wir sind gegen die Rückgabe des Bodens an die früheren Großgrundbesitzer. Wir sind für die Verwaltung der verstaatlichten, vergesellschafteten Fabriken durch die Arbeiter selbst.
Und ich frage die maoistischen Freunde: Ist das das Programm der bürgerlichen Konterrevolution? Ein Programm, das sagt: gegen die Wiederherstellung des Kapitalismus, gegen die Wiederherstellung des kapitalistischen Privateigentums, für die Verwaltung der Betriebe durch die Arbeiter selbst: Ist das ein kapitalistisches Programm? Ist das ein konterrevolutionäres Programm? Ist das ein faschistisches Programm? Oder ist das das normale Programm einer Arbeiterrevolution?
Ihr habt also einen doppelten Widerspruch. Der Sozialfaschist Chruschtschow als Vertreter der Diktatur des Proletariats; und der Sozialfaschist, Sozialimperialist und Restaurator des Kapitalismus Chruschtschow als Vertreter der Diktatur des Proletariats gegen das Proletariat, gegen die ungarischen Arbeiter. Denn er interveniert nicht gegen die Bourgeoisie. Er interveniert nicht gegen amerikanische oder westdeutsche Armeen. Er interveniert gegen ungarische Arbeiterräte, gegen ungarische Arbeiter, die die Fabriken besetzt und den Generalstreik auf außerordentlich wirksame Weise organisiert haben. Daraus wird man, wie gesagt, nicht schlau.1 Es ist in sich widersprüchlich.
Und der einzige Grund (denn es gibt keinen anderen), warum unsere maoistischen Freunde nicht zu sagen wagen, dass Chruschtschows russische Intervention in Ungarn ebenso konterrevolutionär, ebenso skandalös, ebenso unterdrückerisch und ausbeuterisch gewesen ist wie die russische Intervention gegen die Tschechoslowakei 1968, ist, dass Mao Zedong diese Intervention damals zufällig gebilligt hat. Und da Mao Zedong sich per Definition niemals irren kann und man per Definition niemals etwas anderes sagen darf als Mao Zedong, dürfen unsere maoistischen Freunde nicht anerkennen, dass in Ungarn dasselbe geschehen ist wie in der Tschechoslowakei.
Es gibt absolut keinen Unterschied. Wenn es einen Unterschied gibt, dann zugunsten der Ungarn. Denn in der Tschechoslowakei hatte man nicht so viele Arbeiterräte, keinen Generalstreik, keine so klare, hundertprozentig klare Haltung der Arbeiterklasse wie in Ungarn. In der Tschechoslowakei gab es ein klein wenig mehr Verwirrung, aber nur ein klein wenig, wohlgemerkt; der Unterschied ist nicht sehr groß, aber ein klein wenig mehr Verwirrung. In Ungarn waren die Dinge klarer, was die Selbstorganisation der Arbeiterklasse betrifft, den Generalstreik, den Arbeiterkampf und die eindeutig nationale Unterdrückung eines Volksaufstands und einer Arbeiterrevolution durch eine große fremde Supermacht. Aber da diese Supermacht damals von Mao nicht kritisiert wurde, nun ja, stehen unsere maoistischen Freunde heute noch da und bringen kein Wort heraus.
Warum hat diese Sache nicht gesiegt? Nun, hier können wir eine außerordentlich wichtige Schlussfolgerung über die Grenze der Spontaneität der Arbeiter ziehen. Wir glauben, dass der revolutionäre Marxismus, dass der Leninismus Folgendes beinhaltet: die Anerkennung der notwendigen Spontaneität der Arbeiter, der notwendigen Autonomie der arbeitenden Klasse, des gewaltigen Aufschwungs spontaner Arbeiterkämpfe in vorrevolutionären und revolutionären Zeiten. Lenin selbst hat übrigens, sowohl 1905 als auch 1917, über solche spontanen Massenbewegungen tiefgründigere, anerkennendere, begeistertere Worte geschrieben als irgendjemand sonst in der Geschichte der Arbeiterbewegung, Trotzki und Rosa Luxemburg eingeschlossen. Der Unterschied zwischen Spontaneisten und Leninisten, zwischen Spontaneisten und revolutionären Marxisten, besteht nicht darin, dass die Leninisten und die revolutionären Marxisten die spontane Massenbewegung unterschätzen, nicht anerkennen, verurteilen, abwürgen, zerschlagen. Nein, er besteht nur darin, dass sie die Grenzen dieser Bewegung erkennen. Dass sie erkennen, dass die spontane Massenbewegung eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine siegreiche Revolution ist.
Eine notwendige Bedingung, denn ohne spontane Massenbewegung werdet ihr nicht Millionen und Abermillionen Menschen in Bewegung bringen, und werdet jene ABC-Wahrheit des Marxismus nicht verwirklichen können, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muss. Nicht das Werk der Partei, nicht das Werk der Parteiführung und nicht das Werk des Parteivorsitzenden, sondern das Werk der Arbeiterklasse selbst. Aber diese Spontaneität allein genügt nicht. Und Ungarn ist nach Spanien, nach dem Spanien vom Juli, August, September, Oktober, November 1936, das zweitbeste Beispiel für die Grenzen dieser Spontaneität.
Spontan sind Arbeiter in der Lage, einen siegreichen Generalstreik durchzuführen. Ja. Spontan sind sie in der Lage, Fabriken zu besetzen. Ja. Spontan sind sie in der Lage, Arbeiterräte zu bilden. Ja. Aber spontan sind sie nicht in der Lage, ein politisches Projekt, ein politisches Programm, einen politischen Entwurf für die Eroberung der politischen Macht auszuarbeiten, der es ihnen erlaubt, alle ihre Feinde, alle, die die Ausübung dieser politischen Macht verhindern, behindern oder unterdrücken wollen, daran zu hindern, ihre, sagen wir, skandalösen Berechnungen und skandalösen Pläne zu verwirklichen.
Teil 5 (Mandel, IV): Warum die Räte unterlagen: Alle Macht den Räten
Spontan kann man keine verwickelte, komplizierte, sehr, sehr komplexe Strategie für die Eroberung der politischen Macht verwirklichen, für die Zentralisierung der politischen Macht der Arbeiterklasse. Dafür ist eine politische Führung, eine politische Avantgarde, eine revolutionäre Partei unbedingt notwendig.
Und diese revolutionäre Partei gab es 1956 in Ungarn nicht. Was wir also erlebt haben, ist eine Wiederholung, ich sage es noch einmal, dessen, was wir in der spanischen Revolution von 1936 gesehen haben: Arbeiterräte, die auf der Ebene jedes Betriebs wissen, was sie zu tun haben. Den ersten Schritt nach vorn, den kennen sie; den können Arbeiter normalerweise mit ihrem gesunden Menschenverstand, ihrem Klasseninstinkt und ihrem elementaren Klassenbewusstsein erreichen. Zuerst den Streik organisieren, dann den Betrieb besetzen, dann die Produktion unter eigener Leitung wieder in Gang bringen. Ich sage nicht, dass das leicht ist, aber na ja, dafür muss man kein Gelehrter sein und keine sehr große Erfahrung in revolutionärer Organisation haben. Aber sobald man den zweiten, den dritten, den vierten Schritt tun muss … Wie sollen sich diese Räte nun untereinander zentralisieren? Was sollen sie in dieser Zentralisierung tun? Mit wem sollen sie verhandeln? Wen sollen sie ausschalten? Wie sollen sie sich bewaffnen? Wie sollen sie versuchen, ein Projekt für die Eroberung der politischen Macht auszuarbeiten? Da stoßen sie auf unüberwindliche Schwierigkeiten, wenn es keine bewusste politische Avantgarde, keine bewusste revolutionäre Partei gibt.
Und das haben wir gesehen. Das Höchste, was die ungarischen Arbeiter spontan haben erreichen können, und selbst das war nicht mehr ganz spontan, denn innerhalb der Arbeiterräte begann sich ein kleiner Kern revolutionärer Avantgarde-Aktivisten zu bilden … Einer dieser Aktivisten war es, der den Vorschlag gemacht hat, einen zentralen Arbeiterrat zu gründen: Miklós Krassó. Er ist übrigens heute in Westeuropa, er lebt in England, man kann mit ihm sprechen und ihn nach seinen Erfahrungen fragen, er kann das alles im Einzelnen erzählen. Und dieser Vorschlag wurde praktisch sofort von allen Arbeiterräten Budapests angenommen. Das war also das Höchste, was man hat erreichen können: dass vier- oder fünfhundert der größten Betriebe, große und kleine, aus Groß-Budapest einen Zentralen Arbeiterrat aus Delegierten bildeten, die in jedem dieser Betriebe gewählt worden waren.
Aber was dieser Arbeiterrat genau tun sollte, darüber kamen Zweifel auf. Die einen in diesem Rat sagten: nur den Streik weiter organisieren, den Generalstreik weiter organisieren. Und das führte selbstverständlich in eine Sackgasse. Man kann nicht monatelang streiken, ohne ein konkretes Projekt zu haben. Man kann das Wirtschaftsleben, die Produktion eines modernen Landes nicht monatelang stilllegen, ohne vorzuschlagen, was man an die Stelle der bestehenden politischen Regierung setzen will. Andere sagten: mit den Russen verhandeln, damit sie Kádár beiseiteschieben und die Regierung Nagy wieder anerkennen oder uns als Vertreter der ungarischen Arbeiterklasse und des ungarischen Volkes anerkennen. Wieder andere sagten: „Nein, mit Kádár verhandeln, damit Kádár uns als Vertreter der ungarischen Arbeiterklasse anerkennt und uns in die neue ungarische Verfassung und in die neue Art der Verwaltung in Ungarn einbaut.“ Eine vierte Gruppe sagte: mit den Russen und mit Kádár verhandeln und sich mit dem einigen, der uns die meisten Zugeständnisse macht; wenn es die Russen sind, gut, wenn es Kádár ist, gut. Eine fünfte sagte: mit niemandem verhandeln, denn wer verhandelt, wird übers Ohr gehauen. Und so weiter, und so weiter.
Und sobald keine politische Linie mehr darin steckte, keine strategische Konzeption; sobald sie nicht wussten, was sie mit dieser gewaltigen Macht, die sie potenziell besaßen, wirklich tun wollten und tun konnten; und sobald praktisch niemand da war (denn das ist eine Tatsache: keine einzige Gruppe, nicht einmal jener kleine revolutionäre Kern, der sich dort bildete), der das genaue Projekt ausarbeitete, nicht nur die Verwaltung der Betriebe, sondern die ganze Staatsverwaltung in die Hände einer Räteregierung, einer Sowjetregierung zu legen, da war es nur noch eine Frage der Zeit. Kádár und die Russen würden diese Macht durch Zerfall, Zermürbung, Erschöpfung schwinden sehen. Immer mehr Gruppen von Arbeitern, die nach fünf, sechs, sieben Wochen Streik es satt bekamen, weiterzustreiken ohne politisches Ziel, ohne klares politisches Projekt …
Und Kádárs Taktik war auch sehr klar und sehr geschickt, und sie ist am Ende aufgegangen. Sie bestand darin, auf dem Papier alle Zugeständnisse zu machen, alle Zugeständnisse, sogar im Radio und im Fernsehen, unter einer einzigen Bedingung: Beendet den Generalstreik. Das ist ein Trick, den er von den Kapitalisten und den bürgerlichen Regierungen gelernt hat; die kennen ihn auch gut. Solange der Streik dauert, solange die Macht der Arbeiter da ist, versprich alles, was du willst. Aber sobald der Streik vorbei ist, sobald diese Macht nicht mehr da ist, kannst du zwei Drittel, drei Viertel, neun Zehntel aller deiner Versprechen wieder zurücknehmen, denn dann gibt es keine Macht mehr, die die Einlösung dieser Versprechen erzwingen könnte. Und so könnt ihr in den damaligen Zeitungen nachlesen, den offiziellen Zeitungen Ungarns, der offiziellen Presse der ungarischen Stalinisten, und in den Radio- und Fernsehberichten, wie Kádár sagt: Anerkennung der Räte? Ja. Freies Geleit für alle Mitglieder der Arbeiterräte? Ja, niemand wird eingesperrt, niemand wird verfolgt. Ja. Aufnahme der Räte in die Verfassung? Ja. Streikrecht? Ja. Alles: ja, ja, ja, ja, ja. Nur unter einer einzigen Bedingung: Bringt die Produktion wieder in Gang. Lasst die Züge wieder fahren. Lasst die Busse und die Straßenbahnen wieder fahren. Bringt die Wasserversorgung wieder in Gang. Bringt die Elektrizitätswerke wieder zum Laufen, und dann werden wir alles, was wir euch versprechen, schon verwirklichen.
Und sobald die zerrütteten Arbeiterräte, zerrüttet aus Mangel an konkreten politischen Zielen und an revolutionärer Führung, bei der Wiederaufnahme der Arbeit Zugeständnisse zu machen begannen, wurden alle diese Versprechen zurückgenommen. Da wurden die ersten Arbeiterräte, die Mitglieder der ersten Arbeiterräte, eingesperrt, erschossen, gehängt, oder sie mussten fliehen, um nicht erschossen und gehängt zu werden. Da war von der Anerkennung der Räte keine Rede mehr, keine Rede mehr von der Verankerung des Streikrechts in der Verfassung. Da wurde das alles zurückgenommen, und es siegte eine Konterrevolution, eine bürokratische Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse.
Die Schlussfolgerung, die wir daraus ziehen können, ist, dass es kein anderes Mittel gibt, die direkte Herrschaft der Arbeiterklasse zu verwirklichen, als eine institutionalisierte Arbeitermacht in Arbeiterräten, mit revolutionären politischen Parteien, mit einer revolutionären politischen Avantgarde, die innerhalb dieser Räte die Mehrheit für die revolutionär-marxistische Linie gewinnt: nicht mit administrativen Mitteln, nicht mit Repression, nicht mit Unterdrückung, nicht mit der Verletzung der demokratischen Rechte und Freiheiten des arbeitenden Volkes, sondern durch Überzeugung, durch die Möglichkeit politischer Überzeugung, durch die Kraft ihrer richtigen politischen Linie und ihres richtigen politischen Programms.
Jedes andere Modell eines sogenannten sozialistischen Staates oder eines sogenannten sozialistischen Landes (wir sagen: einer Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Sozialismus unter der Diktatur des Proletariats) wird zu einem bürokratischen Regime entarten, zu einem Regime, in dem die Arbeiterklasse die Macht nicht direkt ausübt. Und wir werden in den nächsten Wochen und Monaten Gelegenheit haben (eigentlich hatten wir diese Gelegenheit in den letzten Monaten schon, aber na ja, manche sind nicht so schnell wie andere, wenn es darum geht, Schlussfolgerungen zu ziehen), in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren Gelegenheit haben, in der Praxis zu erleben, dass Maos Modell eine Illusion war, wie wir immer gesagt haben. Dass Massenmobilisierungen allein nicht genügen, um Bürokratie zu verhindern. Dass Kulturrevolutionen allein nicht genügen, um bürokratische Machtkonzentration zu verhindern. Wir erleben das jetzt auf sehr deutliche Weise, und man wird nicht lange warten müssen, bis in China alle Erscheinungen denen unter Stalin, Chruschtschow und Breschnew sehr, sehr ähnlich werden: auf wirtschaftlichem Gebiet, auf gesellschaftlichem Gebiet, auf politischem Gebiet, auf kulturellem Gebiet, auf dem Gebiet der Zusammenarbeit mit dem Westen, der Nachahmung des westlichen Entwicklungsmusters, der Einfuhr von Technik, von Organisation, von Betriebsführung nach den Mustern, die man an westlichen Universitäten lehrt.
Ihr werdet sehen: Innerhalb von sechs Monaten, einem Jahr, zwei Jahren, drei Jahren bekommt ihr die Managerschulen, über die die maoistische Presse jetzt so viel spricht, wenn es um Russland geht. Dieselben Managerschulen werdet ihr in China bekommen. Alle wirtschaftlichen Vorbereitungen dafür sind schon getroffen. Das ist der Kern des Wechsels in der politischen Führung, der sich in den letzten Wochen in China vollzogen hat: dass dieselbe Verwaltung und dasselbe Entwicklungsmuster dort eingeführt werden. Und dann werdet ihr eure Schlussfolgerung ziehen müssen.
Mao hat es gut gemeint. Die Roten Garden haben es gut gemeint. Die revolutionären Rebellen haben es gut gemeint. Die revolutionären Massen und die Maoisten im Westen haben es gut gemeint. Aber man kann die Macht der Bürokratie nicht auf dem Gebiet der Kultur, der Ideologie, des Überbaus brechen, wenn man ihre Institutionen nicht bricht. Und ihre Institutionen, das ist das Monopol auf die Ausübung der Leitung in Staat und Wirtschaft, in Staat und Betrieben. Es gibt nur ein Mittel, die Macht der Bürokratie zu brechen: Alle Macht in die Hände demokratisch gewählter Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. Alle Macht in die Hände eines demokratisch gewählten nationalen und internationalen Kongresses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, nach dem Vorbild von Staat und Revolution, nach dem Vorbild der Oktoberrevolution, nach dem Vorbild der programmatischen Dokumente der Kommunistischen Internationale.
Zu diesem Text
Quelle. Übersetzt aus dem Niederländischen, nach einer überarbeiteten Transkription der fünf MP3-Dateien, die Herman Michiel von seiner Kassette von 1976 digitalisiert hat (Marxists Internet Archive, Dezember 2006). Grundlage ist eine automatische Transkription (Notta); zweifelhafte Stellen wurden mit einer zweiten automatischen Transkription (Whisper) erneut abgehört. Die Aufnahme dauert etwa 85 Minuten; die Fragerunde wurde nicht aufgezeichnet, und der Anfang der Einleitung fehlt. Es gibt auch eine niederländische und eine englische Fassung.
Bearbeitung. Für den Druck leicht redigiert: Füllwörter, Satzabbrüche und Wiederholungen wurden gestrichen, Selbstkorrekturen des Redners stillschweigend übernommen. Die Absatzgliederung und die Zwischentitel stammen von der Redaktion. Die Anrede an das Publikum (im Original das flämische ge) ist mit „ihr“ wiedergegeben. Terminologie und Schreibweisen folgen der Inprekorr.
Berichtigungen. - Kominform: Die jugoslawischen Kommunisten wurden 1948 aus dem Kominform ausgeschlossen. So ist es auf der Aufnahme zu hören; die Transkription hatte „Comecon“. - Júlia Rajk: Rajks Witwe heißt in beiden Transkriptionen „Elsa“. Ihr Name war Júlia Rajk (geb. Földi). Sie lebte 1976 noch in Budapest und starb 1981. Die Umbettung László Rajks fand am 6. Oktober 1956 statt. - Léon-Lesoil-Stiftung: Die Transkriptionen entstellen den Namen des Veranstalters. Die Stiftung war die Bildungseinrichtung der RAL/LRT, benannt nach dem belgischen Trotzkisten Léon Lesoil (1892–1942). - SJW: die Sozialistische Junge Wacht (Socialistische Jonge Wacht), die Jugendorganisation der RAL. Alle Transkriptionen hören „SCW“; SJW ist bestätigt. - Miklós Krassó (1930–1986), von Mandel „Nicholas“ genannt, war 1956 in Budapest aktiv, emigrierte nach Großbritannien und schrieb in der New Left Review als Nicolas Krasso. Mandel antwortete ihm dort 1968 über den Marxismus Trotzkis. - Die Sitzung des polnischen Zentralkomitees, die Gomułka zum Ersten Sekretär wählte (das VIII. Plenum), fand vom 19. bis 21. Oktober 1956 statt, nicht am 23. Oktober, wie Mandel sagt. Das ist so belassen.
Namen. Ungarische Namen stehen in ungarischer Schreibweise (Rákosi, Gerő, Kádár, Rajk, Petőfi, Krassó), auch wo die Inprekorr die Akzente weglässt. Russische Namen folgen der deutschen Transkription (Chruschtschow, Breschnew, Berija, Trotzki).
Hintergrund. Mit dem Wechsel „in der politischen Führung, der sich in den letzten Wochen in China vollzogen hat“, ist die Verhaftung der „Viererbande“ am 6. Oktober 1976 gemeint, einen Monat nach Maos Tod. Mandel kündigt fünf Gründe für den Aufstand an, nummeriert aber nur vier. Die „Präambel“ und das „Programmgesetz“ in der Einleitung beziehen sich auf eine belgische Studentenkampagne in Löwen 1975/76; die Einzelheiten wurden nicht überprüft.
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Mandel spielt hier mit der niederländischen Redewendung er geen mouw aan kunnen passen („keinen Ärmel daran anpassen können“, das heißt: nicht schlau daraus werden), indem er mouw durch Mao ersetzt: Daar is geen Mao aan te passen. ↩